Moralisieren
Moralisieren ist ein Wort, das changiert. Es meint zum einen, darüber nachzudenken, ob etwas gut und richtig oder schlecht/böse und falsch ist. Zum anderen kann Moralisieren bedeuten, überzogene moralische Ansprüche zu erheben. Als drittes kann Moralisieren auch eine die Moral fördernde Wirkung ausdrücken. Obwohl Wörterbücher nach wie vor diese unterschiedlichen Verständnisse anführen (vgl. Art. „moralisieren“ in DWDS ), klingen Moralisieren und Moral in unseren Ohren oft nach erhobenem Zeigefinger und konventionellem Spießertum.
Der "Moralist" ist klischeehaft verkörpert im Pfarrer, der auf der Kanzel „Moral predigt“ und im schlechtesten Fall sich nicht selbst daranhält. Allerdings werden auch Schriftsteller wie Erich Kästner oder Albert Camus Moralisten genannt, weil sie die Zustände ihrer Zeit von einem moralischen Standpunkt aus betrachteten und kritisch kommentierten. Auch das Wort „Moralismus“ wird oft abwertend gebraucht, im Sinne eines moralischen Fundamentalismus. Kästner und Camus vertreten dagegen einen humanistischen Moralismus, weil sie meinen, es gäbe moralische Grundsätze, die Orientierung geben, wie Menschen menschlich handeln können. Moralisieren heißt, auf schillernde Weise bewerten und beurteilen.
Moralisieren kann aber auch als Prozess der Moralisierung verstanden werden, als „Aufladen“ von Handlungen und Einstellungen mit moralischen Vorstellungen, oder im Gegenteil ihrem „Entladen“ in einem Prozess der Demoralisierung (vgl. Rhee u.a. 2019; Sauer 2023, S. 266–271; Felder u.a. 2024). Der Übergang vom Nachdenken über Moral zum Erheben moralischer Geltungsansprüche oder ihrer Zurückweisung ist fließend.