Moralisieren

Moralisieren ist ein schillerndes Wort, weil es sich auf unterschiedliche Weise auf Moral beziehen und dadurch recht unterschiedliches signalisieren kann:

  1. Im "Moralisieren" schwingt mit, darüber nachzudenken, ob etwas gut und richtig oder schlecht/böse und falsch ist, bzw. ob etwas überhaupt zum Gegenstandsbereich der Moral gehört.
  2. "Moralisieren" kann zudem eine die Moral fördernde Wirkung ausdrücken und als Prozess der Moralisierung verstanden werden. Es ist gewissermaßen ein „Aufladen“ von Handlungen und Einstellungen mit moralischen Vorstellungen. Das Gegenteil wäre ein moralisches „Entladen“ in einem Prozess der Demoralisierung (vgl. Rhee u.a. 2019; Sauer 2023, S. 266–271; Felder u.a. 2024).
  3. Im "Moralisieren" klingen aber ebenso überzogene moralische Ansprüche an, indem vormals außermoralische Bereiche moralisiert werden oder bestimmte Moralvorstellungen absolut gesetzt werden oder als nicht diskutierbar gelten.

Doppeldeutiger Moralismus

Obwohl Wörterbücher nach wie vor diese unterschiedlichen Verständnisse anführen (vgl. Art. „moralisieren“ in DWDS ), überlagert oft der letzte Aspekt unser Verständnis: Moralisieren und Moral klingen in unseren Ohren oft nach erhobenem Zeigefinger und konventionellem Spießertum (vgl. hier). Dafür steht der "Moralist", klischeehaft verkörpert im Pfarrer, der auf der Kanzel „Moral predigt“ und im schlechtesten Fall sich nicht einmal selbst daranhält. Allerdings werden auch Schriftsteller wie Erich Kästner oder Albert Camus Moralisten genannt, weil sie die Zustände ihrer Zeit von einem moralischen Standpunkt aus betrachteten und kritisch kommentierten. Der abwertend so genannte "Moralprediger" oder "Moralapostel" repräsentiert einen „Moralismus“, der im Kern einen moralischen Fundamentalismus darstellt. Kästner und Camus vertreten dagegen einen von vielen respektierten humanistischen Moralismus, weil sie meinen, es gäbe moralische Grundsätze, die Orientierung geben, wie Menschen menschlich handeln können.

Moralisieren als Praxis der Vernunft

Ich möchte hier den ersten, ursprünglicheren Aspekte stark machen und Moralisiseren als eine Praxis der Vernunft verstehen. Moralisieren bedeutet dabei mindestens dreierlei:

  1. einen moralischen Standpunkt einnehmen und Handlungen und Einstellungen mit moralischen Urteilen zu verbinden,
  2. moralische Geltungsansprüche erheben (oder bestreiten und damit ggf. Handlungen oder Einstellungen zu demoralisieren).
  3. über moralische Fragen nachdenken (bzw. zu philosophieren), etwa wenn unklar ist, welches Tun gut und welches schlecht ist und welche Gründe für oder gegen ein bestimmtes Tun sprechen.

Die Übergänge zwischen diesen drei Ebenen sind fließend und nicht als Reihenfolge, sondern als Aspekte zu verstehen. Der erste Aspekt kann dabei sowohl vorreflexiv als auch reflexiv sein: Vorreflexiv würde bedeuten, ein erlerntes moralisches Muster anzuwenden, reflexiv dagegen, sich dessen bewusst zu sein.
Ob moralische Geltungsansprüche überzogen sind oder sich nachvollziehbar und zustimmungsfähig begründen lassen, lässt sich am Begriff der Moral selbst nicht festmachen, sondern hängt an der Begründung.
Sobald ein innerer oder äußerer Konflikt sich auftut, sind wir aufgefordert, zu reflektieren, zu begründen und zu diskutieren. Dabei nehmen wir unmittelbar Bezug auf die Lebens- und Alltagswelt und ihre konkreten moralischen Phänomene wie Normen, Werte, als tugendhaft geltendes Handeln oder auch Handlungsfolgen.

Auch der Übergang zur Ethik ist fließend. Letztlich ist Ethik ein Moralisiseren mit philosophischem Werkzeug. Wissenschaftstheoretisch könnte man sagen: Reflektierendes Moralisieren ist eine Theorie erster Ordnung, während Ethik eine Theorie zweiter Ordnung ist. Moralisieren, wie es hier verstanden wird, ist also kein moralisches Belehren, sondern vor allem ein reflektierendes, dialogisches Tun.