Tugend

Das Wort „Tugend“ hängt sprachgeschichtlich mit „Tauglichkeit“ zusammen. Es ist insofern gut geeignet, das Konzept der aretê (ἀρετή) aus der antiken Philosophie ins Deutsche zu übertragen. Die Grundidee der Tugend, wie man sie etwa bei Aristoteles findet, ist, individuelle, nützliche Eigenschaften und Fähigkeiten so auszubilden, dass eine Person darin immer besser wird, um vielleicht sogar einmal zu den Besten und „Vortrefflichsten“ zu gehören.
Tugenden in diesem Sinne sind nicht nur moralisch zu verstehen. Im polizeilichen Bereich könnte es z. B. bedeuten, die körperliche Ausdauer als SEK’ler zu trainieren und die Fitness zu steigern. In gleicher Weise könnte es bedeuten, die kommunikativen Fähigkeiten für die Arbeit in der Verhandlungsgruppe zu perfektionieren. Da diese Fähigkeiten erworben sind, können sie auch wieder verloren gehen. Es braucht also ständiges Training, um sie zu erhalten. Gleiches gilt für moralische Tugenden, die auf die Charakterbildung und moralische Haltung zielen.
Als Kardinaltugenden galten in der Antike Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Besonnenheit. Hinter jedem dieser Begriffe steckt wieder ein besonderes Konzept, das hier nicht weiter ausgeführt werden kann (siehe dazu Lutz-Bachmann 2025, S. 126–138; Werner 2021, S. 26–42). Ein wichtiges Element der frühen Tugendethik war, dass sie insgesamt auf ein glückliches und erfülltes Leben der Einzelnen zielt (weshalb die Tugendethik als teleologische Ethik gilt, aber in einem anderen Sinne als in der konsequentialistischen Ethik).
Ein anderer, wichtiger Aspekt ist, dass das richtige Handeln in der „goldenen Mitte“ zwischen zwei Extremen liegt. So bewegt sich der „gute“ Mut zwischen den beiden Extremen „Übermut“ und „Feigheit“. Ähnlich wie bei der Werteethik wird bei der Tugendethik oft auf methodische Begründungsprobleme verwiesen, weshalb sie in nachaufklärerischer Zeit weitgehend an Bedeutung verloren hatte. Mitte des 20. Jahrhunderts kam es zur Wiederentdeckung der Tugendethik. Als wichtiger Vertreter der neuen Tugendethik gilt Alasdair MacIntyre.