Wertethik

Wertethik befasst sich mit der Funktion von Werten in Moral und Ethik. Allerdings ist Wertethik keine einheitliche Konzeption. "Wert" als ethischen Begriff geht v.a. auf den heute nahezu vergessenen Hermann Lotze zurück. Der Begriff "Wertethik" wurde geprägt durch die Phänomenologen Max Scheler und Nicolai Hartmann (siehe Pieper 2017, S. 204-212; Schrey 1988, S. 56-68). Spätestens seit den 1940er Jahren spielten wertethische Konzeptionen und der Begriff "Wert" zumindest in der deutschen, akademischen Ethik kaum noch eine Rolle. Anders in USA, wo der von Lotze inspirierte Begriff der "values" über den Sozialphilosophen John Dewey breiten Einzug in die philosophische und sozialwissenschaftliche Forschung fand. In den letzten Jahren findet der Wertbegriff auch in der deutschsprachigen Ethik wieder mehr Berücksichtigung, allerdings ohne dass sich bislang eine eigenständige Wertethik abzeichnet (vgl. dazu Vieth 2018, Kap. 9; siehe auch IAF).

Deskriptive Ethik und empirische Wertforschung

Insbesondere in den Sozialwissenschaften gibt es einige deskriptiv-ethische Versuche, über den Wert-Begriff, die moralischen Einstellungen empirisch zu erfassen, z. B. bei Rokeach, Schwartz und Wieland.
Der Sozialpsychologe Milton Rokeach hat in seinem Rokeach Value Survey (RVS) 36 Werte in zwei Gruppen von 18 Zielwerten (terminal values) und 18 Instrumentalwerten (instrumental values) zusammengestellt (Rokeach 1973, S. 28). Zielwerte sind erstrebenswerte Lebensziele wie Glück, Freiheit oder Weisheit, während Instrumentalwerte Verhaltensweisen sind, um diese Ziele zu verwirklichen, z. B. Lebensfreude, Mut oder Vernunft.
Der Sozialpsychologe Shalom H. Schwartz (2012) hat seinen Untersuchungen 8-19 Basiswerte (basic values; je nach Fassung) wie Selbstbestimmung, Macht oder Sicherheit zugrunde gelegt, die er in einem komplexen Wertmodell von zwei Gegensatzpaaren Selbstverbesserung/Selbsttranszendenz und Bewahrung/Offen-für-Neues angeordnet hat (vgl. Frenzel Baudisch 2018, S. 7–39).
Der Wirtschaftsethiker Josef Wieland wiederum hat als Instrument ein Werteviereck vorgeschlagen, bestehend aus Leistungswerten, Kommunikationswerten, Kooperationswerten und Moralischen Werten, das sich leicht an verschiedene Kontexte anpassen lässt (vgl. Schiewek 2023 , S. 228–231). Schon diese drei Beispiele zeigen: Auch wenn jeder Ansatz etwas für sich hat, steht ein einheitliches Instrumentarium nicht zur Verfügung.

Werte-Literatur aus der Unternehmensberatung

Neben dem akademischen Diskurs spielen wertethische Überlegungen in der Unternehmensberatung eine große Rolle. Dabei geht es nicht vorrangig um deskriptiv-empirsches Erfassen von Werten, sondern auch um normative Ansprüche.
So stellt beispielsweise Frank Sauer (2024) in seinem Werte-Lexikon 133 Begriffe zusammen, deren Bezüge untereinander in 20 Wertsystemen und 7 Grundmotiven aufgezeigt werden. Martin Permantier u.a. (2021, S. 56–69) gruppieren über 50 Wertbegriffe (jeweils als Substantive, Adjektive und Verben) in sechs Bedürfnisbereichen, die in Form einer Zielscheibe (Werte-Target) Zusammenhänge visualisieren und die Zuordnung zu zwölf Werte-Typen ermöglichen.
Ihre moralphilosophischen Darstellungen sind zwar mit Vorsicht zu behandeln, aber das Ziel bei Sauer und Permantier u.a. ist auch keine wissenschaftliche Systematik. Die Vokabellisten dienen in der Unternehmensberatung vielmehr dazu, Mitarbeitende für die Beschäftigung mit moralisch-ethischen Wertfragen sprachfähig zu machen. Für diesen Zweck sind die Listen und grafischen Formationen auch für die Polizei als Organisation durchaus geeignete Werkzeuge.