Begriffsgeschichte
Auch wenn die Begriffe von Ethos, Ethik und Moral von ihrem sprachlichen Ursprung sich inhaltlich überschneiden, wird in den Wissenschaften oft die unterschiedliche Form genutzt, um Unterschiedliches zu benennen. Von dieser Möglichkeit haben bereits die Römer Gebrauch gemacht, als sie griechisches Denken und griechische Fremdwörter übernahmen. Sprach- und Ideengeschichtlich ist das sehr verwickelt. Ich versuche eine sehr verkürzte Darstellung.
Die Griechen sprachen von éthos (ἔθος = Gewohnheiten, Sitte, Brauch) und êthos (ἦθος = Wohnort, gewohnter Aufenthaltsort; Charakter, Gesinnung) – nutzten also zwei Wörter, die sich in Schreibweise und Klang nur in einem kleinen Detail unterscheiden: ein kurzes é und ein langes ê. Beide Wörter dienten als Grundbegriffe in der philosophischen Beschäftigung mit Fragen der Praxis. Es ging darum, vernünftige Antworten zu finden, was das gute Leben und das richtige Handeln auszeichnet. Den Zusammenhang beschreibt z. B. Platon in Bezug auf die Rolle der Wächter im Staat (eine Kombination aus Soldat und Polizist), dass sie sowohl von ihrer Lebensführung (éthos) als auch von ihrem Charakter (êthos) her für ihre Aufgabe geeignet sein müssen (vgl. Platon 2016, 374a).
Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes "Ethos", die bis ins heutige Verständnis nachwirkt, wird deutlich, wenn man seine Rolle im Verbund sieht mit zwei weiteren Begriffen der Rhetorik des Aristoteles, nämlich Pathos und Logos. Pathos meint die Fähigkeit durch rednerisches Geschick zu überzeugen. Logos überzeugt durch Verstand und vernünftige Nachvollziehbarkeit. Die Kraft des Ethos kommt dagegen aus moralischer Integrität und Glaubwürdigkeit.
Das Wort "Ethik" geht zurück auf die durch Aristoteles geprägte Wortform êthikê (ἠθική). Die Wortendung, das Suffix -ik, verweist im Altgriechischen darauf, dass es in Bezug auf einen bestimmten Bereich ein lehr- und lernbares Können und Wissen gibt (Rhetorik, Didaktik, Technik, Logik, ...). So versteht Aristoteles Ethik: Als lernbare Kunst des guten Lebens. Ziel dieser Ethik war, den Gemütszustand der "Glückseligkeit" (Eudämonie) zu erreichen. Als Weg dahin galt, tugendhaftes Denken und Handeln einzuüben.
Die Römer (namentlich Cicero) konnten die éthos/êthos-Unterscheidung nicht ins Lateinische übertragen und verwendeten dafür das eine Wort mos (pl.: mores). Für das Wort êthikê führten sie das Kunstwort moralis ein, als Begriff für Moralphilosophie (philosophia moralis). Spätere Autoren (z. B. Seneca) haben das Lehnwort ethica gleichbedeutend mit moralis verwendet.[1].
- Eine ganz gut verständliche Ausführung dazu liefert das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache.↩︎