Moralischer Kompass
Moralischer Kompass meint soviel wie ein inneres, moralisches Orientierungswissen (vgl. auch Ethik-Kompass). In diesem Sinne ist moralischer Kompass oft gleichbedeutend mit Gewissen: eine Art inneres Gespür oder subjektives Bewusstsein für das was gut und richtig oder schlecht/böse und falsch ist. Es kann sich im schlechten Gewissen äußern, wenn eine Person sich über ein Fehlverhalten im Klaren ist, oder im guten bzw. reinen Gewissen, wenn sie sich keiner Schuld bewusst ist. Wie die Kompassnadel verlässlich nach Norden zeigt, tendiert das Bild vom inneren Kompass zur Deutung, dass die moralische Kompassnadel immer in die richtige Richtung weist. Dabei werden zwei Gegensätze gekreuzt: „gut“ vs. „schlecht/böse“ und „richtig“ vs. „falsch“.
Moralische Sensibilität
Der Philosoph Philipp Hübl (2024, S. 10) sieht den moralischen Kompass ambivalent, wenn er schreibt: „Unser moralischer Kompass ist so fein justiert wie nie zuvor“. Er meint damit, dass die westlichen Gesellschaften in hohem Maße sensibilisiert sind für moralische Fragen. Auch dieser hochempfindliche, moralische Kompass weist für Hübl in zwei entgegengesetzte Richtungen: Einerseits kann Moral dabei helfen, soziale Missstände zu benennen und nach gerechten Lösungen zu suchen. Sie kann aber auch benutzt werden für das, was Hübl "Moralspektakel" nennt: zur moralischen Selbstdarstellung oder als Instrument im Ringen um politische Deutungshoheit. Das Moralspektakel hat etwas dualistisches: Man selbst steht voll und ganz auf der Seite des Guten und Richtigen, die anderen auf der Seite des Bösen und Falschen.
Gut und Böse, Richtig und Falsch
Bis auf das Wort "böse" werden die Wörter "gut", "schlecht/böse", "richtig" und "falsch" nicht ausschließlich in moralischen Kontexten verwendet, sondern auch außermoralisches Anzeigen: Ein Kunstwerk kann ebenso gut oder schlecht sein wie ein Essen oder der Gesundheitszustand. Gut oder schlecht zeigt die Qualität oder den Nutzen von etwas an. Richtig und falsch bezieht sich dagegen stärker auf Regeln, Fakten oder Logik. Das kann eine Mathematikaufgabe meinen oder die Anwendung einer handwerklichen Technik. Aber in moralischen Kontexten kommt den Begriffen eine besondere Funktion zu. Eine Kreuztabelle kann einige der Deutungsmöglichkeiten veranschaulichen, bei denen sich auch Moralisches und Außermoralisches kreuzen kann:
Bei einem Kunstwerk kann es sein, dass handwerklich zwar richtig gearbeitet wurde, das Ergebnis aber künstlerisch schlecht ist oder es ist künstlerisch gut, obwohl handwerkliche Fehler vorliegen. Im moralischen Sinn kann eine Handlung zwar richtig sein, weil jemand zwar sich genau an vorgeschriebene Abläufe gehalten hat ("Ich habe alles richtig gemacht!"), die Folgen aber schlecht sind. Und auch hier kann jemand zwar falsch hinsichtlich der Vorgaben gehandelt haben, und das Ergebnis dennoch gut sein. Eine Kreuzung des Moralischen mit dem Außermoralischen kann z. B. dann vorliegen, wenn etwas zwar künstlerisch gut ist, aber auch falsch, weil es z.B. gegen Gesetze verstößt, etwa wenn es sich um ein gefälschtes Gemälde handelt.
Die Kreuztabelle zeigt: Etwas kann gut und richtig sein oder falsch und schlecht. Das sind noch die vermutlich am wenigsten strittigen Fälle. kommt allerdings auch schnell an Grenzen des grafisch Darstellbaren: Ein Gemälde kann z.B. handwerklich richtig gearbeitet und auch künstlerisch gut sein, zugleich aber auch falsch, weil ein "Fälscher" mit "falschen" Belegen einen berühmten Urheber suggeriert. Und wenn es dann auch noch ein pornografisches Sujet zeigt oder eine Person verunglimpft, kann es zusätzlich noch im moralischen Sinne schlecht oder sogar böse sein. Die Metaethik befasst sich mit solchen Begriffsfeinheiten und -klärungen.
So haarspalterisch die Unterscheidungen auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, hängen daran doch konkrete, ethische Fragestellungen:
Durch die Beispiele sollte nicht der Eindruck entstehen, bei "richtig und falsch" geht es um Kunst oder Mathematik und bei "gut und böse" um Moral. "Richtig" zeigt auch die korrekte Anwendung moralischer Normen an. In ethischen Konzeptionen gibt es Ansätze, die zwischen Fragen des Guten und Fragen des Richtigen unterscheiden, wie es etwa der Philosoph Jürgen Habermas. Für ihn ist diese Unterscheidung sogar der Marker, der Ethik von Moral trennt: Zum Bereich der Ethik gehören für ihn individualistische, z.B. tugendethische „Fragen des ‚guten Lebens‘“, während Moral Fragen nach der Richtigkeit stellt, indem sie die universalistische „Sollgeltung von Geboten und Handlungsnormen“ (Habermas 1992, S. 11) untersucht.
Angelegt 26-03-28
Zuletzt gepflegt 26-03-28

