Ethik-Kompass

Ethik-Kompass (bzw. Ethischer Kompass) ist kein feststehender Begriff. Wie er hier verstanden wird, ist der Ethik-Kompass ein heuristisches Schema für vier moralische Begründungsstrategien, die in der ethischen Betrachtung und Argumentation eine große Rolle spielen. An anderen Stellen ist Ethik-Kompass gleichbedeutend mit

Ethik als Teilbereich der Philosophie und als wissenschaftliche Betrachtung der Moral ist theoretisch sehr komplex. Der Ethik-Kompass soll die theoretische Komplexität auf vier wichtige ethische Begründungsstrategien reduzieren und zugleich ein einfaches Modell zur ethischen Urteilsbildung bieten. Als Bezeichnungen für die vier Begründungen, die hier als Grundbegriffe eine Rolle spielen und anhand derer sich ein konkretes Handeln prüfen, ethische Urteile begründen oder auch kritisieren lässt, dienen Normen, Werte, Folgen und Tugenden. In den vier Richtungen deuten sich vier wichtige Ethikkonzeptionen an: Deontologie, Tugendethik, Konsequentialismus und Wertethik (siehe Ethiktheorien).

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Statt die Kompass-Metapher nur illustrativ zu verwenden, macht der Ethik-Kompass die theoretischen Beziehungen und moralphilosophischen Spannungen sichtbar. Die Spannungen werden durch die entgegengesetzten Richtungen auf der Kompassrose sichtbar: Eine Handlung mit Verweis auf bestimmte Normen zu begründen, denen man sich verpflichtet sieht, tritt in der ethischen Betrachtung oft in Spannung zum Blick auf die Handlungsfolgen. Am schärfsten hat diesen Konflikt Max Weber herausgearbeitet mit seiner Gegenüberstellung von Gesinnungsethik, die den Normen und Pflichten genügen will, und Verantwortungsethik, die vorrangig die auf vertretbare Ergebnisse schaut. Quer dazu läuft Ausrichtung an charakterlichen Tugenden eines Individuums und die den Blick auf den Charakter von Handlungen richtet, und den Werten, an denen Individuen, Organisationen und ganze Gesellschaften sich orientieren.

Der Ethik-Kompass macht aber nicht einfach die Spannungen sichtbar, sondern deutet zugleich verschiedenen Richtungen an, in die von einem moralischen Standpunkt aus geblickt werden kann. Ein Begriff wie „Gerechtigkeit“ lässt sich unter unterschiedlichen ethischen Gesichtspunkten betrachten, z. B. hinsichtlich zugrundeliegender Normen, Handlungsfolgen, orientierenden Werten und als charakterliche Tugenden.
Nehmen wir als Beispiel den Kontext Polizei, so kann die Aufteilung von Diensten in einer Polizeidienstgruppe dann als gerecht verstanden werden, wenn alle gleich viele Tag-, Nacht- und Wochenenddienste übernehmen, unabhängig vom „Ansehen der Person“ oder vom Dienstgrad (Norm). Gerecht kann aber auch sein, die Verteilung so vorzunehmen, dass am Ende alle zufrieden sind – etwa, indem Kolleginnen und Kollegen mit familiären Verpflichtungen seltener Nachtdienst leisten, während andere dafür häufiger übernehmen, wenn es im Gesamtergebnis als fair empfunden wird (Folgen). Welche Einteilung angemessen ist, lässt sich dabei nicht allgemein sagen, sondern erfordert ein maßvolles Abwägen, bei dem die verantwortliche Führungskraft sowohl Ungerechtigkeit als auch Übergerechtigkeit vermeidet (Tugend). In dieses Abwägen können unterschiedliche Werte einfließen – etwa die Leistung und Einsatzbereitschaft einzelner Teammitglieder, deren besondere Belastungen oder Bedürfnisse, und die grundlegende Würde, dass jede und jeder einen Beitrag zum Dienst leistet und niemand bevorzugt oder benachteiligt wird.