Angewandte Ethik
Angewandte Ethik (applied ethics) ist eine Bezeichnung für spezielle ethische Konkretionen und Bereiche wie Medizin, Gentechnik, Ökologie, Wirtschaft oder Politik, die besondere moralische Fragen aufwerfen (siehe z. B. Pieper 2017, 78-97). Alternative Bezeichnungen sind konkrete Ethik (Siep 2016) oder praktische Ethik (Singer 2015). Auch die Polizeiethik und die polizeiliche Berufsethik (Wagener 2024) oder Professionsethik (siehe z.B.Großmaß 2024; Paslack 2011) sind mit besonderen Fragestellungen konfrontiert. Der Rede von der angewandten Ethik steht oft die Bezeichnung "Allgemeine Ethik" gegenüber.
Angewandte Ethik stellt den Versuch dar, „mit den Mitteln der Ethik, Menschen dabei zu helfen, sich in bestimmten Situationen moralisch richtig zu verhalten, in denen Unklarheit oder Unsicherheit darüber herrscht, was in dieser Situation moralisch richtig wäre“ (Stoecker u.a. 2011, S. 4). Allerdings lässt sich fragen, ob diese Beschreibung nicht für jede Ethik gilt. Entsprechend gibt es auch kritische Anfragen an die sich immer weiter ausdifferenzierenden Bereiche der angewandten Ethik (siehe Kettner 2014).
Angewandte Ethik oder Bereichsethik?
Das Problem mit der Bezeichnung "Angewandte Ethik" ist, dass sie den Eindruck erweckt, es gäbe eine allgemeingültige Ethiktheorie, die dann praktisch angewendet wird. Da Ethik aber immer moralische Praxis reflektiert, gibt es ein Wechselverhältnis zwischen bereichsübergreifenden und bereichsspezifischen moralischen Fragen. Überlegungen der speziellen Problembereiche wirken einerseits auf allgemeine ethische Überlegungen zurück und Konzeptionen aus dem einen Bereich können, entsprechend angepasst, auch in andere Bereiche hinwirken, etwa wenn gefragt wird, ob die bioethische Prinzipienethik Impulse für die Polizeiethik geben kann.
Insofern scheint die Bezeichnung "Bereichsethik" statt "Angewandter Ethik" treffender: Das Problem der Triage ist beispielsweise kein Problem, vor dem Menschen im Alltag stehen, sondern ein Problem im Bereich Medizin und Rettungswesen. Die Frage, ob die Freigabe eines tödlich wirkenden Schusses gerechtfertigt werden kann, stellt sich ebenfalls in sehr begrenzten Situationen. Es sind Fragestellungen, die sich innerhalb bestimmter Lebensbereiche stellen.
Moralische Argumentation
Ein wichtiger Aspekt im Grenzbereich von allgemeiner und angewandter Ethik ist die Frage moralischer Argumentationen. Auch hier wäre es ein recht naives Verständnis von Ethik, würden die alltagsweltlich konkreten Moralfragen zur Erörterung an die Ethik als Wissenschaft delegiert und nach Klärung wieder an die Praxis zurückgegeben. Tatsächlich finden Diskussionen im Alltag ständig statt, und das heißt, es werden im Dialog Gründe und Gegengründe ausgetauscht, wie stichhaltig sie auch immer sein mögen. Diese gesellschaftsweiten Diskussion werden auch Diskurse genannt. Dialogische Ethiken wie die Diskursethik von Jürgen Habermas oder die methodisch-konstruktive Beratungsethik stellen Überlegungen dazu an, wie von moralischen Konflikten Betroffene aus der Teilnehmerperspektive miteinander Verständigung erreichen können (siehe Pieper 2017, S. 175–182). Das ist zwar in beiden Fällen noch sehr theoretisch-abstrakt, aber durchaus polizeipraktisch anwendungsfähig (siehe Ahlf 2000, S. 45–55).