Moralischer Standpunkt

Die Rede von einem moralischen Standpunkt (moral point of view) ist in einem engeren und in einem weiteren Sinn möglich.

Im engeren Sinn sind metaethische Moral-Point-of-View-Theorien (MPVT) gemeint, die zeigen wollen, dass man durchaus von guten Gründen in der Ethik sprechen kann (vgl. Nielsen 1999). Damit grenzen ihre Vertreter sich von Positionen ab, die Ethik auf die Analyse von moralischer Sprache oder die Beschreibung moralischer Gefühle reduzieren wollen. Einen moralischen Standpunkt in diesem engeren Sinn einnehmen heißt, eine Wir-Position einzunehmen, die die individuelle Perspektive überschreitet, und unvoreingenommen, unparteiisch, sachlich, objektiv und uneigennützig zu argumentieren. Kritisch lässt sich gegen diesen engeren Begriff vorbringen, dass ein neutraler, moralischer Standpunkt einem „Blick von Nirgendwo“ (Nagel 2012) gleicht.

In einem weiteren Sinn bedeutet „einen moralischen Standpunkt einnehmen“, zu moralisieren, also wahrzunehmen, dass eine Handlung moralisch relevant ist, weil sie „schädlich, anstößig, ungerecht, diskriminierend oder problematisch“ ist (Sauer 2023, S. 272). Dazu braucht es eine Verortung in der Welt, um in die Lage zu kommen, Handlungsfolgen und -normen, Tugenden und Wertmaßstäbe daraufhin zu untersuchen, ob sie gut oder schlecht, richtig oder falsch sind und „ob die betreffenden Handlungen erlaubt oder verboten, gefordert oder nicht gefordert sind und welche von ihnen unter welchen Randbedingungen welchen anderen vorgezogen zu werden verdient“ (Schmücker 2011, S. 13). Für gute Gründe in der moralischen Argumentation ist dabei wichtig, dass von Handlungen und Normen konkret Betroffene ihre Perspektive einbringen können. Auch hier wird also die individuelle Perspektive überschritten, aber nicht durch eine konstruierte Wir-Perspektive, sondern durch eine Erweiterung des moralischen Gesichtsfeldes.

Die Metapher vom Standpunkt lässt sich auch so verstehen, dass wir das gleiche Phänomen (z. B. eine Versammlungslage) als ein spezielles Problem ansehen, z. B. als taktisches, rechtliches, ökonomisches, politisches oder eben moralisches Problem. Das unscheinbare Wort „als“ markiert hier die Verschiedenheit von Eigenschaften eines Phänomens, die für die Betrachtung relevant sind (siehe Moral).